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Geschichte des Deutschen Pinschers
Der Deutsche Pinscher stellt nicht nur eine seltene, zeitweise vernachlässigte und immer wieder vom Aussterben bedrohte Rasse dar, die selbst unter Hundefreunden wenig bekannt ist, sondern er ist auch, was sein Wesen und seine Geschichte betrifft, für die meisten ein unbeschriebenes Blatt.
Rückblick in die Geschichte
Während die einen die Herkunft des Deutschen Pinschers auf die Torfhunde der Pfahlbauer zurückführen, ihm also eine Jahrtausende lange Geschichte attestieren, begnügen sich die anderen mit der Feststellung, dass die Rasse aus den Hunden süddeutscher Bauern, Stallknechte und Fuhrleute des ausgehenden 19. Jahrhunderts herausgezüchtet worden ist. Auch in der Schweiz und Österreich sollen entsprechende Landschläge anzutreffen gewesen sein. England und seltener Österreich werden von manchen als mögliche Ursprungsländer des Pinschers, bzw. seines Namens (von englisch „to pinch“= 1. zwicken, 2. stibitzen; oder nach der österreichischen Landschaft „Pinzgauer“) genannt.
Abb.: Die Deutschen Hunde, Ein ausführliches Handbuch über Zucht, Führung und Pflege des Hundes, Richard Strebel, Kynos Verlag, 1986, S. 69.
Meist wird er jedoch mit dem englischen Wort “to pinch” (abkneifen, stutzen) in Verbindung gebracht, weil man den Pinscher schon vor 200 Jahren Ohren und Rute zu kupieren pflegte. So vergleicht Carl Friedrich Zelter 1816 in seiner Korrespondenz mit Goethe die Situation der Künstler mit der von Pinschern – kupierten Hunden. In der Umgangssprache wird “Pinscher” auch als Schimpfwort und als Bezeichnung für unbedeutende Menschen gebraucht. So versuchte, beispielsweise Ludwig Erhard, den Schriftsteller Rolf Hochhuth abzukanzeln, indem er ihn als “Pinscher” stigmatisierte. Die Sprichwörtlichkeit der Bezeichnung “Pinscher” beweist allerdings auch, wie verbreitet diese Hunde als Landschlag vor dem Aufkommen der Rassezucht gewesen sein müssen.
Kynologen der ersten Stunde der Rassezucht (Anfang des 19. Jhs.) unterscheiden zwischen glatthaarigen und rauhaarigen Pinschern, den heutigen Schnauzern. Sie beschreiben diese Urpinscher, deren glatthaarige Vertreter in Stall und Stube gehalten wurden, etwa folgendermaßen: Sie lieben die Wärme und halten sich mit Vorliebe in Pferdeställen auf, sie sind beweglich und wendig mit angeborener Neigung zum Jagen. Werden sie im Haus gehalten, brauchen sie genügend Laufzeit, weil sie sonst „der Hundewut leicht ausgesetzt sind“ (nach H.G. Reichenbach: Der Hund in seinen Haupt- und Nebenracen, 1836). Sein Wesen wird als lebhaft, anhänglich und ohne Falschheit beschrieben, daneben werden ihm auch Schneid, Schärfe und Wachsamkeit bescheinigt sowie Erbitterung auf alles niedrige Raubzeug, insbesondere auf Ratten und ausgesprochene Vorliebe zu Pferden (nach Bungartz: Handbuch zur Beurteilung der Rassenreinheit der Hunde, 1888).Und von Anfang an wird immer wieder die besondere Intelligenz dieser Hunde hervorgehoben: „Die geistigen Fähigkeiten aller Pintscher sind sehr beachtlich, sie zeigen einen hohen Verstand, viel Selbstüberlegung und Geschicklichkeit, sich in allen Lagen möglichst gut zu finden.“ (nach A. Brehm: Thierleben, 1886)
Ein genügsames Multitalent, anspruchslos und ausdauernd
Als Hund der einfachen Leute durfte der Pinscher keine großen Ansprüche stellen. Er musste in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen und selbständig seiner Arbeit als Gehilfe von Fuhr- und Stallknechten nachzugehen. Das heißt, er beschaffte sich selbst Nahrung und Nachtlager und bewachte in eigener Regie Fuhrwerk und Stallungen, die er darüber hinaus von Ratten und Mäusen befreite.
Und ausdauernd musste ein Pinscher sein. Denn er lief mit den Fuhrwerken mit – das konnten etwa 20 km am Tag sein – und übte natürlich auch während der Rast, genau wie des Nachts, sein Wächteramt aus. Sowohl teure Fuhren als auch die Pferde konnten andernfalls leicht zur Beute von Dieben werden, zumal Pferdediebstahl zeitweise fast wie ein Beruf ausgeübt wurde. Misstrauisch gegen jeden Fremden, beschützte der Pinscher wachsam und wehrhaft das Eigentum seines Herrn. Dieser konnte sich unbesorgt zur Ruhe legen, während sein Hund Wache hielt.
Zunächst war demzufolge die Arbeitstauglichkeit oberstes Kriterium für die Hundezucht. Es kam einzig und allein auf die gebrauchstauglichen Eigenschaften der Hunde an. Tiere, die diesen Ansprüchen nicht genügten, wurden aussortiert. Farbe oder harmonischer Körperbau spielten damals keine besondere Rolle.
Als Rassehund immer wieder in der Krise
Als 1895 der Pinscherklub gegründet wurde, galt der kurzhaarige Pinscher „als völlig vergessen und verschollen“. Und Klubgründer Josef Berta betrachtete es als seine vordringliche Aufgabe, „unserem rückständigen, heimischen Hund die Bahn frei zu machen und die verdiente Anerkennung und Beachtung zu verschaffen“(erster Band des Zuchtbuches, 1902). Doch allen Bemühungen Bertas zum Trotz ging es mit der Zucht der Glatthaarpinschern nicht wirklich voran. 1920 gab es nur noch 30 zuchtfähige Hunde. Man versuchte durch das Einkreuzen von Black-and-Tan-Terriern (Manchester Terriern) die genetische Basis zu verbreitern und die Rasse vor dem Untergang zu bewahren.
Auch Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jhs. machte sich Berta in der Zeitschrift „Der Hund“ immer wieder Gedanken, wie den Glatthaarpinschern, die er auch als „Unglücksraben“ oder „Stiefkinder des Klubs“ bezeichnet, aufzuhelfen sei. Doch 1941 schien die Rasse erneut kurz vor dem Aussterben zu stehen, konnte sich jedoch bald wieder erholen, bis dann der zweite Weltkrieg mit seinen Folgen der Zucht ein jähes Ende setzte: In der alten Bundesrepublik waren von 1950-1957 keine Zuchtbucheinträge zu verzeichnen, in der DDR von 1957-1970.
In der Bundesrepublik war es dann Werner Jung, Hauptzuchtwart des PSK, der davon überzeugt war, dass der Mittelschlag Pinscher in der modernen Welt eine Zukunft habe, und die Zucht mit fünf Hunden (vier übergroßen Zwergpinschern und einem Mittelschlag Pinscherhündin „Kitti vom Bodestrand“ aus der DDR) wieder aufbaute. Schnell fand er engagierte Züchter und Mitstreiter, so dass innerhalb der nächsten zehn Jahre wieder mehr als 500 Pinscher gezüchtet wurden. In der DDR nahm sich Burkhard Voß, seit 1971 als Zuchtwart für die PSK Rassen tätig und derzeit ältester aktiver Pinscherzüchter, besonders der Pinscherzucht an und versuchte, die damals durchschnittliche Widerristhöhe von 43 cm durch Einkreuzen einer Dobermann Hündin „Evi von der Edeltanne“ im Sinne des Standards zu verbessern.
Im Jahr 2003 wurde der Deutsche Pinscher von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen zusammen mit dem Spitz zur gefährdeten Rasse des Jahres erklärt, was dem Bekanntheitsgrad des Mittelpinschers sicherlich zu Gute gekommen ist. Jedenfalls stiegen die Welpenzahlen von zuvor ca. 160 auf über 200 pro Jahr an. Im vergangenen Jahr ist die Welpenzahl sogar explosionsartig in die Höhe geschnellt: von 237 (2005) auf 384! (2006).
Eine einschneidende Veränderung für die Pinscher stellt das weitgehende Wegfallen seiner angestammten Aufgaben dar. Er wird nicht mehr als Ratten- Mäuse- oder Kaninchenjäger benötigt, und auch ein Wächter, der „Denkzettel“ verpasst, ist in unserer Gesellschaft nicht mehr erwünscht. Seine Anhänger, die ihn heute als Sport- und Begleithund führen, schätzen seine Intelligenz und Bewegungsfreude sowie seine Eigenständigkeit, die er über Jahrhunderte im Dienst seiner Menschen entwickelt hat. Gerade diese Intelligenz und Selbständigkeit der Pinscher machen ihre Ausbildung nicht immer leicht.
