Verhalten

ZWICKEN, SCHNAPPEN, PACKEN, BEISSEN

Erster Teil: Versuch einer Begriffsklärung

Der unscharfe Gebrauch der Begriffe ZWICKEN, SCHNAPPEN, PACKEN, BEISSEN führt immer wieder zu Missverständnissen und falscher Einschätzung hundlichen Verhaltens, wodurch einerseits das Verhältnis zwischen Hund und Halter und andererseits das Verhältnis zur Umgebung (andere Halter und Hunde) schwer belastet werden kann.

Vor allem um ein besseres Verständnis für den Gebrauch des Fangs unserer Hunde zu ermöglichen, will ich im Folgenden versuchen, die genannten Begriffe gegeneinander abzugrenzen.

ZWICKEN

Fangen wir also mit dem Harmlosesten an: Von Zwicken reden wir, wenn Welpen im Spiel, z.B. um auf sich aufmerksam zu machen, die Hinterläufe ihres Kumpels mit dem Maul traktieren. Der so Traktierte reagiert erwartungsgemäß, wenn er daraufhin dem „Übeltäter“ nachjagt. Dabei könnten dann die Rollen getauscht werden. Übertreibt es ein Welpe mit dem Zwicken, erfolgt ein lautstarker Protest des so Geschädigten, und das Spiel ist vorübergehend beendet. (Auch jung gebliebene Althunde spielen gelegentlich auf diese Weise.) Gerade Welpen beschränken sich beim Zwicken durchaus nicht auf die Hinterläufe sondern greifen auch gerne nach Ohren oder Rute. Natürlich sollten Welpen von Anfang an lernen, dass Menschenhaut empfindlicher ist als das Fell ihrer Kumpels! Dieser Lernprozess wird häufig (aus meiner Sicht fälschlicher Weise) als Aufbau einer BEISShemmung bezeichnet.

SCHNAPPEN

Schnappen wird sowohl im Spiel als auch in der alltäglichen Kommunikation unter Hunden als Warnung Erziehungs- oder Korrekturmaßnahme eingesetzt und verfolgt keine Beschädigungsabsicht (will auch keinen Schmerz zuzufügen). Häufig wird auch nur neben dem Kontrahenten in die Luft geschnappt. Der sollte dieses Warnsignal, besonders wenn es von weiteren Zeichen, wie dem Hochziehen der Lefzen oder grummelnden Geräuschen, unterstützt wird, allerdings tunlichst beachten. Als Erziehungsmaßnahme von Vater zu Sohn ist das In-die-Luft-Schnappen mit der Geste des erhobenen Zeigefingers vergleichbar. Hündinnen reglementieren ihre heranwachsenden Welpen gerne mit dem (oft falsch nachgeahmten) Schnauzgriff, den die Welpen ihrerseits im Spiel anwenden.

PACKEN

Deutlich härter geht es beim Packen zu. Zwar liegt immer noch keine direkte Beschädigungsabsicht vor, aber das Zufügen von Schmerz oder auch eine Beschädigung des Kontrahenten werden gegebenenfalls billigend in Kauf genommen. In der Rengel sind Warnzeichen vorausgegangen, die von den Menschen oft nicht wahrgenommen, bzw. nicht ernst genommen werden. Es könnte ein (leises) Knurren, ein kurzer Blick, das flüchtige Kräuseln der Lefzen oder das angedeutete Entblößen eines Reißzahnes gewesen sein. Zeigen diese Signale keine Wirkung, sieht sich der Hund genötigt, „fang-greiflich“  zu werden. D. h. der Hund reagiert mit Packen auf ein Verhalten, das er als unangemessen betrachtet. Es besteht also (zunächst) keine Feindschaft zwischen ihm und seinem Kontrahenten. Sondern mit derartigen Korrekturmaßnahmen wird z.B. mangelnder Respekt von Seiten eines Artgenossen aber auch von Seiten des Menschen geahndet. Artgenossen verstehen normalerweise sofort, worum es geht. Doch der Mensch ist in der Regel hell empört ob der Missachtung seiner (vermeintlichen) Autorität, ohne das eigene Verhalten in Frage zu stellen. „Mein Hund hat mich gebissen“, heißt es dann. Hat er aber nicht, auch wenn dieser verzweifelte „Erziehungsversuch“ von Seiten eines wahrscheinlich über längere Zeit unverstandenen Hundes, Spuren in Form eines Gebissabdrucks in der Haut seines Menschen hinterlassen haben sollte.

BEISSEN

Beim eigentlichen Beißen geht es um eine Art Kriegszustand. Hund kämpft um Ressourcen und Machtpositionen. Dieser Kampf kann bis zum Äußersten gehen, ohne Rücksicht auf Verluste, und auch in lebenslange Feindschaft münden. Hier geht es um Beschädigung bis hin zum Töten. Beißvorfälle können spontan aus einer bestimmten Situation heraus entstehen oder auch das letzte Glied in einer längeren Kette sein, nachdem alle anderen Mittel (aus Sicht des Hundes) ausgereizt sind. Bei spontanen Auseinandersetzungen kann es reichen, die strittige Ressource (z.B. die läufige Hündin) zu entfernen, um den Frieden wieder herzustellen.  Bei Machtkämpfen finden die Kontrahenten im Verlauf ihrer Auseinandersetzung möglicher Weise selbst eine Lösung, indem der eine sich unterwirft und der andere diese Unterwerfung annimmt. Aber es gibt auch unüberwindbare Feindschaften, die sogar auf das gesamte „feindliche Rudel“, also Menschen und Hunde, ausgedehnt werden können. Dann wird jede unkontrollierte Begegnung zu ernsthafter Gefahr!!!

Im Hundealltag können Zwicken, Schnappen oder Packen auch nahtlos ineinander übergehen. Im schlimmsten Fall könnte aus anfänglichem Zwicken auch eine Beisserei entstehen.

Praktische Beispiele dazu folgen im zweiten Teil.